Berliner Duett

Sie saß in einem Café am Berliner Gendarmenmarkt. Genau gegenüber von dem Konzerthaus, in dem sie heute Abend ihren großen Auftritt als Solo- Violinisten haben würde. Am Morgen war sie mit dem Zug aus Paris gekommen. Sie war das erste Mal in Berlin.

Fotos: Sven Görlich

Der Kellner brachte Kaffee. Aus ihrer Tasche holte sie ein Tagebuch und ein Schreibetui. Beides legte sie vor sich auf den Tisch. Sie nahm einen Kugelschreiber aus weißer Keramik aus dem Etui. Er war elegant und hatte eine gewisse Schwere in ihrer Hand. Mit ihm schrieb sie am liebsten. Außerdem mochte sie die Tatsache, dass der Kugelschreiber anfänglich etwas kühl war und sich, je länger man damit schrieb, an die Körperwärme anpasste.

Jemand setzte sich hinter sie an den Tisch. Eine männliche Stimme bestellte ein Wasser mit Limette. Eine Tasche wurde auf und wieder zu gemacht, Papier raschelte. Plötzlich vernahm sie ein Fluchen: So ein Mist, dass diese Dinger aber auch nie schreiben, wenn man sie braucht. Sie verstand, was der Mann hinter ihr sagte. Spontan nahm sie ihr Etui und drehte sich zu ihm um. Ihre Blicke trafen sich auf eine Weise, wie sie es nicht erwartet hatte. Er hatte einen warmen Blick, der sich in Sekundenschnelle in ihr vertiefte.
Sie hielt ihm ihr Etui entgegen, in dem zwei verschiedene Kugelschreiber steckten. Ein durchsichtiger aus Kunststoff und ein Knallroter aus Aluminium. Sie sagte mit charmantem Akzent: Nehmen Sie einen von meinen. Ihr Gegenüber schaute ein wenig irritiert. Ah, sagte sie, nehmen Sie den roten, der wird am besten in ihrer Hand liegen. Lächelnd nahm er das Angebot an und bedankte sich.

Sie drehte sich wieder um, nahm einen Schluck von ihrem Kaffee, während eine leichte Aufregung in ihr aufkam. Es war doch nur ein Blick! Nein, sie konnte sich unmöglich jetzt noch einmal zu ihm umdrehen. Und wenn er erst einmal wüsste, wer sie war… Sie holte ihr Handy aus der Tasche, um die Uhrzeit zu überprüfen. Es traf sie fast der Schlag! Wo war sie nur mit ihren Gedanken gewesen? Hastig stopfte sie ihre Sachen in die Tasche, warf ein paar Münzen auf den Tisch und rannte über den Platz zum Bühneneingang des Konzerthauses.

***

Das Konzert war wie erwartet ein großer Erfolg. Sie verließ das Gebäude durch den Bühneneingang, gab den dort Wartenden freundlich Autogramme, nahm dankbar Lob und Blumensträuße entgegen, die sie den Portier bat, in ihr Hotel bringen zu lassen. Sie wollte noch ein Stück gehen und die Stimmung des nächtlichen Berlin auf sich wirken lassen.

Ein wenig abseits stehend, erkannte sie den Mann vom Café. Er stand zwischen zwei Fahrrädern und lächelte sie an. Langsam ging sie auf ihn zu. Als sie schließlich vor ihm stand, holte er ihren Kugelschreiber aus seiner Jackentasche. Ich denke, der gehört dir! Und auch wenn ich Gefahr laufe, mich hier völlig zum Horst zu machen… Sie schaute irritiert, die Redewendung kannte sie nicht… wahrscheinlich bist du sowieso mit anderen Leuten verabredet, fuhr er fort, aber ich dachte…ich habe hier zwei Fahrräder und…
Sie nahm ihm den Kugelschreiber aus der Hand. Er hatte sich wirklich etwas einfallen lassen. Das gefiel ihr. Mit einem eleganten Schwung setzte sie sich auf das eine Fahrrad und sagte kokett: Also gut, ich weiß zwar nicht, was es bedeutet, sich zum „Horst“ zu machen, aber du kannst es mir ja erklären.

Er lachte.

Und nun? fragte sie… Zeig‘ ich dir meine Stadt!

© Jeanette Neuendorf für USUS / Juli 2012

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s