Es war einmal in Amerika

Seit Tagen saß sie mittags in einem Coffee Shop am Potsdamer Platz und beobachtete ihn. Er kam meist gegen halb eins, ging zum Tresen, wechselte ein paar freundliche Worte mit der Bedienung, bestellte ein Sandwich zum Mitnehmen, trank einen Espresso und las Zeitung, während er wartete. Er kam immer allein.

Fotos: Sven Görlich

Claire war aufgeregt. Vor vier Tagen war sie von New York nach Berlin gekommen. Es war ihr erster Besuch in seiner Stadt. Die vergangenen Tage hatte sie damit verbracht, sich auf die Begegnung vorzubereiten. Sie sah zur Uhr, viertel nach zwölf. Heute fühlte sie sich bereit.

Ihre gesamte Kindheit über hatte ihre Mutter sich konsequent darüber ausgeschwiegen, wer er war. Es sei nicht wichtig, hatte sie gemeint. Erst jetzt, da Claire 21 geworden war, hatte sie ihr von ihm erzählt und ihr daraufhin ein Foto in einem Managermagazin aus Deutschland gezeigt. Inzwischen war er in einer gehobenen Position bei einer Bank. Als ihre Mutter und er sich vor über 20 Jahren kennenlernten, machte er gerade ein halbjährliches Praktikum in New York. Sie waren jung und sehr verliebt. Er wollte damals, dass sie mit ihm nach Deutschland kam. Aber sie hatte irgendwie nicht den Mut. Auch später nicht, als er mehrmals versuchte, sie zu kontaktieren. Er ging zurück, ohne sie.

Als er den Laden betrat, zuckte Claire leicht zusammen. Die Bedienung hinterm Tresen zwinkerte ihr unmerklich zu. Sie hatten heute einen kleinen Deal.
Er bestellte wie immer sein Sandwich, trank Espresso und las Zeitung. Claire sah, wie er ein kleines Notizbuch aus seiner Anzugtasche zog und etwas hinein schrieb. Sie traute ihren Augen nicht. Er hatte den gleichen Kugelschreiber wie sie! Plötzlich ergab der Slogan, weswegen sie ihren gekauft hatte, einen Sinn: Just the two of us! Am liebsten wäre sie aufgesprungen und sofort zu ihm gegangen. Aber mit ihrem kleinen Plan wollte sie ihm Gelegenheit geben, selbst zu entscheiden.

Foto: Sven Görlich

Hoch oben in der zwölften Etage ließ er sich in seinen Bürosessel fallen. Als er das Sandwich auspackte, fiel eine handschriftlich geschriebene Karte zu Boden. Was war das? Er begann zu lesen. Für einen kurzen Moment wurde ihm schwindelig. Dann überkam ihn eine unbegreifliche Ahnung.

Kurzerhand schnappte er sich seine Jacke und eilte hinaus. Seiner Sekretärin rief er im Vorbeigehen zu, dass sie alle Termine für den Nachmittag absagen sollte. Er hörte sie nach Luft schnappen. „Tun sie es einfach!“, sagte er ohne sich umzudrehen und verschwand im Fahrstuhl. Mit zitternden Händen las er die Karte erneut:

Es war einmal in Amerika… Ich bin jetzt 21. Wenn sie mich kennenlernen möchten, kommen sie zurück in den Coffee Shop. Ich werde da sein.
Claire

Er lief schnell, schließlich rannte er. Als er den Coffee Shop betrat, erkannte er sie sofort. Sie sah aus wie ihre Mutter vor 20 Jahren. Nie hätte er dieses Gesicht vergessen können. All die Erinnerungen waren plötzlich wieder da und all seine Fragen würden jetzt eine Antwort finden.

© Jeanette Neuendorf für USUS, 2012

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