Merlins Traum

Durch die geöffneten Fenster drang der süßliche Duft von Sommerblumen. Er genoss die leichte, warme Brise die von draußen herein wehte. Am Morgen war er mit dem undefinierbaren Gefühl einer freudigen Vorahnung aufgewacht. Er dachte an seinen Traum. Es waren nur Bruchstücke, an die er sich erinnerte. Da war dieses Lachen, das wunderschöne Lachen einer Frau. Das, und das Gefühl grundlos glücklich zu sein. Am liebsten hätte er ewig so dagestanden. Mit diesem Gefühl, dieser Idee vom Glück.
O Gott, ein kurzer Blick auf die Küchenuhr verriet ihm, dass er spät dran war. Eilig packte er seine Sachen für die Vorlesung und nahm zwei Stufen auf einmal, als er das Haus verließ. Er erreichte den Bus in letzter Sekunde. Sein Traum wanderte weiter durch seinen Kopf. Zwar träumte er ständig und viel, aber dieser war anders gewesen. In ihm schwang ein Zauber mit. Oder vielleicht wollte er einfach, dass es so war.

Der Bus hielt. Während Leute mit Ein- und Aussteigen beschäftigt waren, schweifte sein Blick hinüber zu einer Gruppe Wartender. Ein Mann in einem akkurat sitzenden Anzug, nervös rauchend und ein lautes Telefonat führend. Zwei Mädchen, alberne Teenager, die sich gegenseitig versuchten zu kitzeln. Eine elegant gekleidete, ältere Dame, die umständlich in ihrem Portemonnaie nach irgendetwas suchte. Und dann, eine junge Frau. Sie saß ein wenig abseits auf einer Bank, in sehr aufrechter Haltung. Etwas an ihr unterschied sie von allen Anderen um sie herum. Aber er hätte nicht sagen können, was. Sie trug einen beigen Mantel. Ihr Kopf war gesenkt. Auf ihrem Schoß lag ein länglicher Kasten, und darauf gestützt, hielt sie ein aufgeschlagenes Buch. Ihr langes, dunkles Haar fiel weich fließend über ihre Schultern. Sie musste wie er ungefähr Mitte 20 sein, dachte er, gefangen genommen von ihrer anmutigen, grazilen Erscheinung. Der Bus fuhr an. In diesem Moment hob sie ihren Kopf. Ihre tiefbraunen Augen trafen ihn mit voller Wucht. Ungefragt fanden sie ihren Weg direkt in seine Seele. Er konnte nicht atmen. Alles stand still. Jemand hatte die Welt angehalten. War sie das? Dann bog der Bus um die Ecke.

Reglos saß er da. Er war verwirrt. Sein Herz wollte sich nicht beruhigen. Fieberhaft versuchte er das Geschehene einem ihm bekannten Gefühl zuzuordnen. Es gelang ihm nicht. Irgendwann realisierte er, dass er zu weit gefahren war. Völlig benommen lief er den Weg zurück und kam verspätet zur Vorlesung. Unbemerkt setzte er sich in die hinterste Reihe. Warum war er nicht an der nächsten Station ausgestiegen? hämmerte es unablässig in seinem Kopf. Aber, was hätte er sagen sollen? Am Ende hatte sie ihn vielleicht gar nicht angeschaut, sondern nur irgendwo in seine Richtung, und er bildete sich das alles nur ein. Nein, doch! Sie hatte ihn angeschaut. Da war er sich plötzlich sicher. Er verließ die Vorlesung. Ziellos lief er durch die Straßen. Nach einer Weile bemerkte er, dass er sie suchte.

Die darauffolgenden zwei Wochen fuhr er jedes Mal zur gleichen Zeit dieselbe Strecke mit dem Bus. Und jedes Mal hoffte er, sie wiederzusehen. Nichts dergleichen geschah. Irgendwann gab er auf, die Unruhe blieb.

Wie nicht anders an einem Samstag Nachmittag zu erwarten, war es unerträglich voll. Leichte Panik stieg in ihm auf. Er hasste Einkaufszentren. Die Menschen machten ihm manchmal Angst. Nur eine kleine Besorgung und dann raus hier, beschwichtigte er sich selbst. Widerwillig begab er sich auf die überfüllte Rolltreppe. Plötzlich traute er seinen Augen nicht. Auf der anderen Seite der Rolltreppe, die hinunter zum Ausgang führte, war sie. Ihr Haar hatte sie diesmal zu einem hohen Zopf gebunden. Sie trug wieder ihren beigen Mantel und ein dickes Bündel Papier unterm Arm. Als sie ihn erblickte, lächelte sie. Er konnte sehen, dass sie errötete. Ein Glücksstrahl durchfuhr ihn. Er hatte genau diese Situation schon einmal erlebt. Aber wann? Und wo? Und wer war sie?

Mach was, schoss es ihm durch den Kopf. Wie elektrisiert drängte er sich mit aller Kraft nach oben durch. Entschlossen rannte er auf die gegenüberliegende Seite und bahnte sich seinen Weg zum Ausgang. Es dauerte alles viel zu lange. Endlich unten angekommen, versuchte er ihren wippenden Pferdeschwanz im Gedränge ausfindig zu machen. Nichts. Er rannte zum Ausgang, auf den Parkplatz. Wieder nichts. Dann erinnerte er sich, dass dicht neben ihr eine etwas ältere Frau gestanden hatte. Es hätte ihre Mutter gewesen sein können. Er ging nochmals hinein. Vergeblich. Sie war weg. Er verstand es nicht. War sie real? Was sollte das alles? Er kam sich vor wie in einem dieser Märchen, bei dem der Prinz mindestens drei Prüfungen zu bestehen hatte, bevor er die Königstochter bekam.

Mehrere Wochen vergingen, ohne dass sie sich noch einmal begegnet wären. Von Zeit zu Zeit überkamen ihn Zweifel. Der Gedanke daran, sie nie mehr wiederzusehen, zog ihm fast die Besinnung aus den Adern. Seine Freunde hielten ihn für verrückt. Aber das war nichts Neues. Und er wusste selbst, wie unglaubwürdig die Geschichte für Außenstehende klingen mochte. Er hatte diese Frau bislang nur zwei Mal in seinem Leben gesehen. Zusammen genommen war es vielleicht gerade mal eine Minute. Und doch hatte diese Minute alles verändert. Alles. Es war ein Gefühl. Nein, es stimmte nicht, es war viel mehr als das. Tief in seinem Inneren wusste er, dass sie bereits Teil seines Lebens war. Aber wie sollte er das erklären?

Eines Nachmittags rief ihn ein Bekannter an. Es täte ihm leid, dass er sich so kurzfristig melden würde, aber er hätte für denselben Abend noch eine Karte für ein Konzert zu verschenken. Er sagte zu, ohne zu zögern. Als er auflegte, bemerkte er, dass er nicht einmal gefragt hatte, was er eigentlich hören würde.

Das Konzert war ausverkauft. Es dauerte eine Weile bis er auf seinem Platz im ersten Rang zum Sitzen kam. Ständig drängten neue Leute in die Mitte der Reihe, für die er zwangsläufig aufstehen musste. Er warf einen Blick ins Programmheft. Freudig stellte er fest, dass sie Mahlers Symphonie No. 1 spielen würden. Er liebte dieses Werk.

Als die ersten Töne erklangen, hatte er wieder das Gefühl diese Situation zu kennen. Mit geschlossenen Augen gab er sich dem Klangstrom hin. War es möglich, dass er seit Langem auf diesen Moment wartete? Er spürte die Musik in jeden Winkel seines Körpers vordringen. Als er die Augen öffnete, sah er sie. In völliger Hingabe, die Violine zwischen ihrer Schulter und dem Kinn, die rechte Hand den Bogen haltend wie eine Feder, als würde sie geführt. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Plötzlich ergab alles einen Sinn. Der Kasten auf ihrem Schoß, das Bündel unter ihrem Arm, ihre Ausstrahlung. Natürlich! Sein Herz wurde ruhig. Endlich. Die Fragen und Zweifel, die ihn die letzten Wochen ununterbrochen begleitet hatten, schwanden mit jeder Sekunde, die er sie anblickte. Er wusste es nun. Seine Seele hatte ihm den Weg gezeigt.

Als sich später die Tür zum Bühneneingang öffnete und eine Gruppe von Musikern heraustrat, erkannte er sie sofort an ihrem Lachen. Er hatte dieses Lachen schon einmal gehört.
Es war das Lachen der Frau aus seinem Traum.

 

© Jeanette Neuendorf | 2015

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