Reden ist Silber – Schweigen ist Gold

In seinen Vorstellungen war Berlin ganz anders gewesen. Ähnlich laut und überfüllt wie London, seine Stadt, aus der er mit seinen Mitschülern vor knapp einer Woche zur Klassenfahrt nach Berlin aufgebrochen war. Berlin war groß, aber lange nicht so hektisch, wie man es hätte von einer Großstadt erwarten können. Die Zeit war viel zu schnell vergangen. Gerne wäre er länger geblieben.

Sie würden einen Aufsatz über ihre Berlin-Erlebnisse verfassen müssen. Um damit so früh wie möglich anzufangen, hatte er sich in eine Ecke des Busbahnhofes an einen kleinen Tisch gesetzt. Die Anderen standen oder saßen in Grüppchen in einiger Entfernung. Ihm blieb noch über eine Stunde, bis ihr Bus abfahren würde.

Fotos: Sven Görlich

Fasziniert drehte er den Kugelschreiber in seinen Händen, den er in einem der Museumsshops entdeckt hatte und sofort haben musste. Klack-Klack machte es, wenn er die magnetischen Hülsen gegeneinander drehte, und er konnte es kaum abwarten, seine Eindrücke damit aufzuschreiben. Gut, dass er Karten, Flyer und Prospekte mitgenommen hatte. Er holte alles aus seiner Tasche und stapelte es vor sich auf den Tisch. Zum Schluss packte er sein Schreibheft aus.

Jemand bückte sich nach Etwas vor seinem Tisch und richtete sich langsam wieder auf. Vor ihm stand ein junges Mädchen mit blonden langen Haaren. Ihr Gesicht hatte etwas Engelsgleiches und ihre Augen schimmerten wasserblau. Stumm hielt sie ihm seinen Kugelschreiber entgegen, der wohl heruntergefallen sein musste. Unbeholfen stand er auf und riss dabei fast den gesamten Tisch um. Sie lächelten einander verlegen an. Er nahm den Kugelschreiber an sich und streckte ihr seine Hand entgegen. „Danke! Hallo, ich bin Merlin!“ sagte er auf Englisch zu ihr. Still erwiderte sie seinen Händedruck und nickte zaghaft. Einige Sekunden standen sie etwas unschlüssig voreinander. Schließlich fragte er: „Und, wie heißt du?“, nicht ganz sicher, ob sie seine Sprache sprach. Wieder schaute sie ihn ohne ein Wort zu sagen, aber offenherzig an. Etwas abseits sah er, wie zwei Erwachsene komische Zeichen in ihre Richtung machten. Sie bemerkte es und gab ihrerseits Zeichen zurück. In diesem Moment begriff er – sie konnte ihm gar nicht antworten. Jedenfalls nicht so, dass er es verstehen würde. Sie war stumm.

Kurzentschlossen nahm sie seinen Kugelschreiber, schlug sein Schreibheft auf und schrieb etwas hinein. Dann legte sie beides auf den Tisch zurück und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Sie ging rasch zum Ausgang und bestieg einen Bus. Als sie auf der ersten Stufe war, drehte sie sich noch einmal zu ihm um und winkte ihm zu.

Langsam und noch ziemlich benommen setzte er sich wieder und schlug sein Schreibheft auf:

Hallo Merlin! Ich bin Lilly, 17 (ich schätze, genau wie du?!) und lebe in Stockholm. Ich hätte mich gerne länger mit dir „unterhalten“ 😉 Schreibe mir! Das kann ich besser! 🙂

Er starrte auf die Zeilen und ihre darunter geschriebene Adresse. Plötzlich wusste er, er würde sie wiedersehen! Er würde dieses Mädchen Lilly wiedersehen! Mit einem Lächeln packte er seine Sachen zusammen und ging zu den Anderen hinüber.

© Jeanette Neuendorf für USUS, August 2012

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