Vergiss dein nicht

Marie musste ungefähr Zehn gewesen sein, als sie beim Versteckspielen mit ihren Freundinnen im nahegelegenen Wald ihres Elternhauses eine sonderbare Begegnung hatte. Mit geschlossenen Augen hatte sie bis 100 gezählt und dann begonnen, die Anderen zu suchen. Ziellos lief sie umher. Als sie schließlich auf einer Lichtung stand, vernahm sie den Hauch einer Bewegung hinter sich. Triumphierend fuhr sie herum. Aber anstelle eines der anderen Kinder stand ein wunderschönes, rätselhaftes Wesen vor ihr. „Hallo Marie!“ sprach es mit sanfter Stimme. Eine Elfe! schoss es ihr durch den Kopf. „Ich habe eine Aufgabe für dich! Geh nach Hause und schreibe deine Träume und Wünsche auf, die du für dich und dein zukünftiges Leben hast. Verwahre sie dann wie einen Schatz an einem sicheren Ort.“

Marie starrte völlig irritiert. War das echt? Oder träumte sie. Und wo waren die Anderen? Die lichte Gestalt beugte sich leicht zu ihr herunter und fragte mit ruhiger Stimme: „Hast du meine Worte verstanden?“ Marie nickte. „Gut, dann nimm dies als mein Geschenk! Es wird dich an etwas Wichtiges erinnern, wenn die Zeit gekommen ist!“ In ihren Händen lag ein elfenbeinfarbener, edler länglicher Gegenstand, der aussah, als könne man damit schreiben. Als sie wieder aufblickte, war das Wesen verschwunden. Sie schaute sich um. Von den Anderen weit und breit keine Spur.

Foto: Sven Görlich
Foto: Sven Görlich

***

London Heathrow – ihr Anschlussflug hatte Verspätung. Drei Stunden Aufenthalt. Marie ließ sich erschöpft auf einer der Sitzbänke im Flughafengebäude nieder. Sie könnte die Zeit nutzen und arbeiten, aber dazu hatte sie keine Lust. Einfach mal nichts tun. Nur dasitzen. Geschenkte Zeit. Es kam in ihrem Leben mittlerweile selten genug vor. Seit Jahren führte sie ein Leben zwischen Terminen. Meetings, Präsentationen, Reisen, Geschäftsessen – sie war 35, beruflich erfolgreich und hatte es als Seniorberaterin einer international renommierten PR-Agentur weit gebracht. Familie? – Fehlanzeige. Sie hatte nicht wirklich viel Zeit, darüber nachzudenken.

Eine ältere Frau setzte sich neben sie. Nach einer Weile fragte sie Marie mit warmherziger Stimme: „Sind Sie glücklich?“ „Bitte was?“ erwiderte Marie schroff. „Sind Sie glücklich?“ fragte die ältere Dame sie freundlich erneut. Marie fühlte sich merkwürdig ertappt. Was sollte das? Was wollte diese Frau von ihr? „Ich… Ich weiß nicht.“, stammelte sie unwillig.

„Haben Sie etwas zum Schreiben?“, fragte ihre Sitznachbarin daraufhin. Marie zog ihren elfenbeinfarbenen Kugelschreiber aus der Tasche. „Hier, bitte!“

In genau diesem Moment hatte Marie ein Déjà-vu. Die ältere Dame schrieb etwas auf einen kleinen Zettel. Dann stand sie auf, übergab ihr den Zettel und ihren Kugelschreiber, und verschwand.

Bislang hatte Marie das Erlebnis aus ihrer Kindheit ihrer eigenen blühenden Phantasie zugeschrieben und bis zu diesem Moment sogar vergessen. Mit zitternden Händen faltete sie jetzt den kleinen Zettel auseinander.

REMEMBER ME stand da in Druckbuchstaben.

Ohne, dass sie es hätte verhindern können, schossen ihr Tränen ins Gesicht. Es waren genau dieselben beiden Worte wie auf der alten Blechschachtel aus ihrer Kindheit, in die sie damals ihre Träume und Wünsche gelegt hatte.

© Jeanette Neuendorf, für USUS 2012

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